Warum wir jetzt lästern!

„An den Pranger“ stellte man im Mittelalter öffentlich Menschen zur Vollstreckung von „Schand-Strafen“, um sie mal so richtig dem Spott des Pöbels auszusetzen. Gottseidank sind diese Zeiten vorbei – heute gibt es dafür schließlich das Internet. Früher wurde stattdessen eine Reihe von kuriosen Folterinstrumenten genutzt: der Lästerstein, die Halsgeige, die Schandflöte oder der Eselsritt – bei dem Delinquenten mit „niederen Vergehen“ teils nackt auf einem Esel durch die Stadt reiten mussten, häufig Ehefrauen, die ihren Mann geschlagen hatten – oder Männer, die sich von ihren Frauen hatten schlagen lassen. Männer, die ihre Frauen schlugen, wurden nicht bestraft, sondern galten als Vorbilder. Die „gute, alte Zeit“ war halt nicht für alle gut.

Heute gibt es den Pranger nur noch als historische Kuriosität – jedenfalls in der analogen Welt. Die EU plant jetzt allerdings einen „Steuerpranger“ oder „Public Country-by-Country Reporting“ (Öffentlicher Steuer-Report) – Firmen sollen auf ihren Internet-Seiten veröffentlichen, in welchen Ländern sie wie viel Steuern zahlen. Da kann man dann entdecken, wieviel Steuern etwa Amazon in Luxemburg zahlt (wenig) und wie viel in Deutschland (noch viel weniger).

Der BDI (wie übrigens auch die CDU) sind dagegen – es könnte die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen schwächen. Allerdings ist das Argument etwas ausgeleiert. „Schwächt die Wettbewerbsfähigkeit“ wurde auch gesagt, als die Sklaverei abgeschafft wurde, als die Kinderarbeit verboten wurde, und als der Mindestlohn eingeführt wurde. Es wurde auch von meiner Frau vorgebracht, als ich neulich nicht ins Fitness-Center gehen wollte…

Im Gegenzug könnte so ein Steuerpranger vielleicht zu einem Umdenken in einigen, großen Konzernen führen (nur Unternehmen mit über 750 Millionen Euro Umsatz müssen „reporten“). Von dem Geld, das Deutschland durch diese „Steuer-Optimierung“ entgeht, könnte Berlin einen neuen Flughafen bauen – jedes Jahr!